„Neue Musik? Wem‘s g‘fallt …“
Helmut Lachenmann wird Ehrenbürger der Stadt Leonberg

Ein Komponist von Weltrang, ein bewegender Festakt und eine Auszeichnung von besonderer Bedeutung: Die Stadt Leonberg hat Helmut Lachenmann am 26. Juni 2026 mit der Ehrenbürgerwürde geehrt. Musikalische Höhepunkte, persönliche Anekdoten und eindrucksvolle Reden machten den Abend zu einer Würdigung eines Künstlers, der das Hören neu denken lässt. 

Ein Festakt für einen außergewöhnlichen Komponisten

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OB Tobias Degode verlieh Helmut Lachenmann die Urkunde.

Es war ein Abend, der ganz im Zeichen des aufmerksamen Hörens stand – und eines Künstlers, der dieses Hören über Jahrzehnte grundlegend verändert hat. Die Stadt Leonberg verlieh dem international renommierten Komponisten Helmut Lachenmann am Freitag, 26. Juni, die Ehrenbürgerwürde, ihre höchste Auszeichnung. Musikalisch gestaltet wurde der Festakt vom Ensemble Recherche, das mit Werken Lachenmanns eindrucksvoll vorführte, was seine Musik bis heute auszeichnet: Sie fordert heraus, irritiert, öffnet neue Klangräume und stellt Fragen.

Oberbürgermeister Tobias Degode würdigte Lachenmann als einen Künstler, der nie den einfachen Weg gesucht habe. Seine Musik wolle nicht gefällig sein, sondern Wahrnehmung verändern. Statt nur den fertigen Ton hörbar zu machen, richte sie den Blick auf das Entstehen des Klangs – auf Atem, Reibung, Bewegung und den Widerstand des Materials. Dahinter stehe eine Haltung, die weit über die Musik hinausweise: aufmerksam zu sein, genau hinzuhören und dem Ungewohnten eine Chance zu geben. 

Ein Leben für die Neue Musik

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Laudatorin Christina Ossowski.

Diese Gedanken griff die Kulturhistorikerin Christina Ossowski in ihrer Laudatio auf und zeichnete den außergewöhnlichen Lebensweg des 1935 in Stuttgart geborenen Komponisten nach, dessen Familie eng mit Leonberg verbunden war. Sie erinnerte an Lachenmanns Studienjahre in Stuttgart und bei Luigi Nono in Venedig, an seinen beharrlichen Weg gegen viele Widerstände und an seinen internationalen Durchbruch als Erneuerer der zeitgenössischen Musik. Heute gilt Helmut Lachenmann als einer der bedeutendsten lebenden Komponisten weltweit. Seine Werke werden auf den großen Konzertpodien gespielt, Generationen von Komponistinnen und Komponisten hat er als Lehrer geprägt. Mit seiner „musique concrète instrumentale“ erweiterte er die Möglichkeiten traditioneller Instrumente grundlegend und schuf eine völlig neue Klangsprache. Seine Musik verändert Hörgewohnheiten – und genau darin liegt bis heute ihre große Wirkung.

Humor statt Verbitterung

Dabei wurde an diesem Abend deutlich, dass hinter dem kompromisslosen Künstler ein ausgesprochen humorvoller und selbstironischer Mensch steht. In seiner Dankesrede erzählte der frisch ernannte Ehrenbürger mit feinem Witz von den Reaktionen auf seine Musik. So erinnerte er sich an ein Konzert in Darmstadt, bei dem ein Orchesterstück nach lautstarken Protesten aus dem Publikum kurzerhand noch einmal von vorne begann – auf Anweisung des Dirigenten. Ebenso schilderte er eine Preisverleihung in Hamburg, bei der ihm nach einem Konzert ein empörter Zuhörer zurief, er solle sich schämen. Sein Vater habe auf sein Komponistengenre mit der Schulter gezuckt: „Neue Musik? Wem’s g’fallt …“ Solche Geschichten erzählte Lachenmann mit sichtlichem Vergnügen und ohne jede Verbitterung. Widerstände gehörten für ihn offenbar immer zum künstlerischen Weg. 

Kunst als Einladung zum Neudenken

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Helmut Lachenmann spielte "Wiegenmusik" – zweimal.

Immer wieder machte er deutlich, dass es ihm nie darum gegangen sei, Konventionen um ihrer selbst willen zu brechen. Vielmehr wolle er Neugier wecken und den Blick auf das richten, was jenseits vertrauter Hörgewohnheiten liegt. Kunst solle Fragen aufwerfen, nicht fertige Antworten liefern. Sie lade dazu ein, Bekanntes neu wahrzunehmen und sich auf Unbekanntes einzulassen.

Dass diese Haltung bis heute lebendig ist, bewies Lachenmann auch musikalisch. Zum Abschluss spielte er selbst eines seiner Klavierstücke und gab dem Publikum augenzwinkernd mit auf den Weg, man möge Neue Musik ruhig ein zweites Mal hören. Beim ersten Mal, so sagte er sinngemäß, fühle man sich oft wie im Dschungel – beim zweiten entdecke man bereits erste Zusammenhänge. 

Eine Auszeichnung für Mut und Offenheit

Mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde würdigt die Stadt Leonberg nicht nur einen der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit, sondern auch einen Menschen, der zeitlebens den Mut hatte, Gewohntes in Frage zu stellen. Einen Künstler, der mit großer Konsequenz neue Wege gegangen ist – und dabei stets neugierig, offen und angenehm uneitel geblieben ist.

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Das Ensemble Recherche spielte "Streichtrio Nr. 1" von Lachenmann.