Prof. Ulrich Wegenast spricht über Frei Ottos gestalterische Visionen 

Beim Symposium "Gestalterische Visionen – Frei Ottos architektonisches Wirken zwischen Experiment, Ökologie und Gesellschaft" am Samstag, 18. Oktober, steht das interdisziplinäre Denken des Architekten Frei Otto im Fokus. Der Kurator der Tagung, Prof. Ulrich Wegenast, erklärt im Gespräch, wie relevant Frei Ottos ganzheitlicher Blick auf Architektur auch heute ist. 

Bild vergrößern: 202509_31 Frei-Otto-Symposium Prof. Ulrich Wegenast Bild: © Ulrich Wegenast
Prof. Ulrich Wegenast, Kurator des Symposiums


Architektur zwischen Experiment, Ökologie und Gesellschaft

"Wir dürfen die Architektur nicht den Architekten allein überlassen", sagt Prof. Ulrich Wegenast, Kurator des Symposiums "Gestalterische Visionen – Frei Ottos architektonisches Wirken zwischen Experiment, Ökologie und Gesellschaft". Mit dieser zugespitzten Formulierung macht er deutlich, worum es bei der Tagung in Warmbronn geht: Architektur als gesellschaftliches Experiment, als interdisziplinäre Suche nach neuen Lebensformen und als Vermächtnis des weltweit einflussreichen Frei Otto.

Der Architekt, der mit dem Olympiadach in München oder der Multihalle in Mannheim internationale Maßstäbe setzte, war ein Vordenker. "Frei Otto hat schon in den 60er-Jahren über Nachhaltigkeit, Leichtbau und Beteiligung nachgedacht – lange bevor diese Begriffe im Mainstream ankamen", betont Wegenast. In seiner Arbeit verband er Biologie, Soziologie und Ökologie mit der Ingenieurskunst und prägte damit Architektur und Stadtentwicklung heute. Statt monumentaler Bauten entwickelte Otto luftige Konstruktionen, Zeltstädte, Netzwerke aus Seilen und Membranen. Architektur verstand er als offenes System, flexibel und wandelbar. Nie als starres Gebilde. 

Gesellschaftliche Teilhabe als Leitmotiv

Ulrich Wegenast betont im Gespräch, dass Frei Otto die Menschen in den Mittelpunkt stellte und ihn nicht nur als Maßstab für eine Planung sah: "Er hat als einer der Ersten die Nutzerinnen und Nutzer in den Planungsprozess einbezogen. Das war damals revolutionär." Wie bei den Berliner Ökohäusern, wo künftige Bewohner ihre Grundrisse mitgestalten konnten – ein Prinzip, das heute als Partizipation selbstverständlich erscheint. 

Architektur als Labor

Auch der experimentelle Charakter von Ottos Arbeit soll im Symposium im Zentrum stehen. "Er war ein Architekt, der im Modell, im Labor forschte – nicht am Computer. Für ihn war das Bauen ein permanentes Ausprobieren", erklärt Wegenast. Dieser Forschungsgeist verbinde den Architekten mit heutigen Visionen wie der Baubotanik, bei der lebende Pflanzen zu tragenden Strukturen wachsen. 

Humanistische Vision

Wegenast sieht in Frei Otto nicht nur den Ingenieur, sondern den Humanisten: "Seine Gebäude wollten nicht einschüchtern, sondern einladen. Es ging ihm um Räume, die Menschen zusammenbringen, die Natur einbeziehen und eine Atmosphäre schaffen." Damit habe Frei Otto eine zutiefst gesellschaftliche Botschaft hinterlassen, die angesichts von Klimakrise und Stadtverdichtung aktueller ist denn je. 

Impuls für die Zukunft

Das Symposium soll daher mehr sein als eine Rückschau. "Wir wollen Frei Ottos Ideen als Impuls für heute begreifen: Wie können wir Architektur denken, die ökologisch, experimentell und gesellschaftlich wirksam ist?" sagt der Kurator Ulrich Wegenast. Besonders freue er sich auf den Auftritt von Bodo Rasch, langjähriger Weggefährte Frei Ottos: "Er war vielleicht der engste Vertraute Frei Ottos – und doch ist er bislang kaum Teil der Rezeption."

Die Veranstaltung bringt internationale Architektinnen und Architekten, Forscher und Künstler zusammen – von der Szenografin Petra Blaisse bis zum Visionär Tobias Wallisser. "Es geht darum, unterschiedliche Perspektiven ins Gespräch zu bringen – so wie es Frei Otto immer getan hat", fasst Wegenast zusammen. 

Einladung an die Öffentlichkeit

Die Tagung in Warmbronn soll auch die Region selbst in den Blick rücken. "Baden-Württemberg hat eine außergewöhnlich hohe Architekturdichte. Frei Ottos Wirken hier sichtbar zu machen, ist eine große Chance", so der Kurator.

Das Symposium findet am Samstag, 18. Oktober, 14 bis 17 Uhr, in Warmbronn statt und ist öffentlich zugänglich. Wer sich für Zukunftsfragen von Architektur und Gesellschaft interessiert, wird dort nicht nur auf historische Einsichten, sondern auch auf visionäre Ideen für das 21. Jahrhundert stoßen.

Tickets zu 25 Euro (ermäßigt 10 Euro) sind bei Reservix und an der Abendkasse erhältlich. Die Gesprächsrunde "Frei Otto – lokale Visionen" um 19 Uhr ist kostenfrei und für alle zugänglich.