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Beschlussvorschlag mit finanziellen Auswirkungen - 2021/147
Grunddaten
- Betreff:
-
Neue Namensgebung für die August-Lämmle-Schule
- Status:
- öffentlich (Vorlage freigegeben)
- Vorlageart:
- Beschlussvorschlag mit finanziellen Auswirkungen
- Federführend:
- Amt für Kultur und Sport
- Beteiligtes Amt:
- Amt für Jugend, Familie und Schule; Gebäudemanagement
Beratungsfolge
| Status | Datum | Gremium | Beschluss | NA |
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Unterbrochen
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Sozial- und Kultusausschuss
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Vorberatung
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28.04.2021
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Erledigt
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Gemeinderat
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Entscheidung
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05.05.2021
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Sachverhalt
Am 19.11.2020 hat der Gemeinderat beschlossen, die August-Lämmle-Schule umzubenennen. Im März 2021 wurde die Bürgerschaft durch einen Aufruf in Amtsblatt und Presse aufgefordert, Vorschläge für den künftigen Namen der Schule abzugeben. Die Vorschläge sollten jeweils kurz begründet werden.
Über 70 Vorschläge wurden eingesandt. Diese lassen sich in folgende Kategorien einteilen:
- Persönlichkeiten, die als positives Gegenbild zu August Lämmle gesehen werden können: Menschen, die in der NS-Zeit Widerstand geleistet haben oder selbst Opfer des Regimes wurden
- Frauen: In Leonberg wurde bisher nur eine Schule nach einer Frau benannt
- Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft, Sport
- Namen mit einem geografischen Bezug
Unter der Federführung des Amts für Kultur und Sport beriet eine Projektgruppe, bestehend aus sechs Vertreter*innen der August-Lämmle-Schule (Schüler*in, Lehrer*in, Elternbeiräte) und drei Vertreter*innen der Verwaltung über die Vorschläge. Abgestimmt haben ausschließlich Vertreter*innen der Schule.
Ausschlaggebend für die engere Wahl war mit einer Ausnahme der jeweilige Bezug zu Leonberg. Bei der Auswahl gab es zwei klare Favoriten: „Claire-Heliot-Schule“ und „Gemeinschaftsschule Leonberg“. Das Votum war dabei eindeutig: Die mit Abstand meisten Stimmen erhielt der Vorschlag „Claire-Heliot-Schule“.
In der engeren Auswahl befanden sich noch die Vorschläge: Frei Otto, Berta Haffner, Margarethe Stingele und Astrid Lindgren.
Claire Heliot (1866-1953), Löwendompteuse und Besitzerin des Rappenhofs
Claire Heliot gilt als bedeutendste deutsche Dompteuse der Jahrhundertwende.
Der berufliche Werdegang der Tochter eines Postmeisters aus Sachsen ist für eine Frau ihrer Zeit ungewöhnlich. Heliot (Künstlername) war mit ihren Tieren auf Tournee in Europa und Amerika und brachte es als Löwendompteuse zur internationalen Berühmtheit. In ihren Erziehungsmethoden war sie ihrer Zeit weit voraus. Statt Schläge und Angst waren Zutrauen und Einfühlungsvermögen die Grundlagen ihrer „sanften Dressur“. Damit wandte sie fast 100 Jahre früher Formen einer modernen „Pädagogik" an. Dass sie dadurch dennoch, oder erst recht, die Tiere zu Höchstleistungen brachte – die Löwen liefen auf einem Seil, Heliot steckte ihren Kopf in den Rachen der Raubtiere, ein über 100 kg schwerer Löwe ließ sich von ihr aus der Manege tragen – zeugt nicht nur von Durchsetzungskraft und körperlicher Stärke, sondern gibt ihrer Methode Recht. Nach dem Ende ihrer Karriere kaufte Heliot 1907 den Rappenhof und lebte dort bis 1910, dann zog sie nach Stuttgart. In ihrer Zeit in Leonberg pflegte sie nachweislich Kontakt zu Christian Wagner und dessen Tochter Luise, sowie zur Gastwirtsfamilie der „Sonne“.
Die Benennung einer Schule nach einer Artistin ist vermutlich einmalig.
Zur Biographie:
Claire Heliot wird als Klara Pleßke 1866 in Halle an der Saale geboren. Im Alter von 21 Jahren ist sie Vollwaise und lebt bei einer Tante in Leipzig. Ihre 1889 geschlossene Ehe mit dem Stallmeister Karl August Hanmann verläuft unglücklich, das Paar trennt sich bald, die Ehe wird 1901 geschieden. Mit 30 Jahren nimmt Klara Hanmann, mittellos und ohne familiären Rückhalt, ihre Arbeit im Leipziger Zoo auf. Auf Vorschlag des Zoodirektors beginnt sie im April 1897 Dressurnummern mit Löwen einzustudieren. Sie erweist sich als sehr erfolgreiche Löwendompteuse. Ihr erster öffentlicher Auftritt findet an Pfingsten 1898 im Leipziger Zoo statt und erregt großes Aufsehen. Bis zum Ende ihrer Karriere 1907 tritt sie, unter ihrem Künstlernamen Claire Heliot, zehn Jahre fast ununterbrochen, mehrmals täglich, auf. Sie gastiert in Zoos, Varietés und festen Veranstaltungshäusern, geht auf Tournee mit dem Zirkus. Claire Heliot ist mit ihren Tieren in ganz Europa unterwegs, 1905 auch für sieben Monate in den USA, gefeiert als „the woman without fear“. Sie arbeitet mit 12 Löwen und 4 Doggen. Die gemischte Tiergruppe stellt eine besondere Herausforderung und Attraktion dar.
Heliot legt Wert darauf, dass sie die Tiere nie geschlagen habe, sie „stets mit Liebe“ behandelt hat. „Ich schwinge die Peitsche über ihren Köpfen, mehr nicht.“ „Alles was geschehe, geschehe ohne Gewalt“. Der englische Tierschutzverein verleiht der Dompteuse eine Ehrenmedaille.
Im Alter von 40 Jahren beschließt sie ihre Karriere zu beenden. Auf ihrer Abschiedstournee wird sie von einem ihrer Löwen angegriffen und schwer verletzt. Heliot, die ihren Künstlernamen offiziell weiterführen darf, lässt sich nicht in ihrer Heimat nieder, sondern in Stuttgart, wohin sie schon lange freundschaftliche Kontakte pflegt. Im Dezember 1907 erwirbt sie den Rappenhof für die stattliche Summe von 75.000 Mark. Sie lebt auf dem Gut bis sie es 1910 gewinnbringend weiterverkauft. Der Rappenhof „war nichts für eine Frau alleine“, meint sie dazu in einem Radio-Interwiew 1950. Zudem hatte der Gutsverwalter Friedrich Scheytt 1909 auf sein eigenes Anwesen, das Glemseck gewechselt. Entgegen der Leonberger Legende hat Claire Heliot nie mit „ihren Löwen“ auf dem Gut gelebt. Die Löwen waren nach dem Ende ihrer Tätigkeit zurück an ihren Besitzer gegangen, den Leipziger Zoodirektor.
In der Inflation nach dem 1. Weltkrieg verliert sie ihr Vermögen. Sie schlägt sich durch mit dem Verkauf kosmetischer Produkte. Im 2. Weltkrieg wird bei einem Luftangriff ihre Wohnung zerstört und sie verliert ihre gesamte persönliche Habe. Nach einigen Jahren der Notunterkunft im Erholungsheim Burg bei Beutelsbach erhält sie durch Vermittlung des Stuttgarter Oberbürgermeisters Klett einen Platz in einem Altersheim in Stuttgart. Dort stirbt sie am 9.6.1953.
Anlagen
| Nr. | Name | Original | Status | Größe |
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1
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(wie Dokument)
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488,3 kB
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2
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(wie Dokument)
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229,4 kB
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