OB Tobias Degode lehnt Kurs des Landkreises ab: Leonberg fordert Sicherung der stationären Versorgung
Ein vorgestelltes Konzept deutet das Ziel von Landkreis und Klinikverbund Südwest an, stationäre Leistungen am Krankenhaus Leonberg abzubauen und durch ambulante Angebote zu ersetzen. Ebenfalls ist ein möglicher Schließungstermin Anfang 2028 im Gespräch. Oberbürgermeister Tobias Degode lehnt diesen Kurs klar ab. Eine solche Verlagerung gefährdet aus seiner Sicht die stationäre Versorgung im nördlichen Landkreis sowie im Altkreis Leonberg und komme dem Ende des Krankenhauses in seiner bisherigen Funktion gleich.
Forderung von OB Degode: Landkreis muss Kurswechsel erklären
Noch im Oktober 2025 bekräftigte Landrat Roland Bernhard die Medizinkonzeption 2030 und bezeichnete Leonberg als modernen Grund- und Regelversorger. Im Mai 2026 bekannten sich Landkreis und Stadt Leonberg bei der Entwicklung des Fockental-Areals zu einem Gesundheitsstandort. Das jetzige Ziel von Klinikverbund Südwest und Landkreis geht möglicherweise in eine andere Richtung: Eine vollständige Ausrichtung der Versorgung auf ambulante Angebote.
„Ich halte diesen Weg für falsch. Ich werde die Aufgabe der stationären Versorgung weder politisch mittragen noch den Menschen in Leonberg als gute Lösung verkaufen“, bekräftigt Oberbürgermeister Tobias Degode. „Eine Stadt mit rund 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern und der gesamte nördliche Bereich des Kreises und Altkreises haben Anspruch auf eine ernsthafte Diskussion darüber, welche stationäre Versorgung auch künftig notwendig und möglich ist.“
Der Landkreis und die Gremien des Klinikverbundes entscheiden über die Krankenhausstrukturen. Sollte der Landkreis entgegen seinen bisherigen Beschlüssen und den Aussagen des Landrats de facto eine Schließung des jetzigen Krankenhauses beschließen, werde dies auf den entschiedenen Widerstand der Stadt Leonberg treffen, so OB Tobias Degode.
Verantwortung für Folgen übernehmen
OB Tobias Degode fordert auch die Kreisrätinnen und Kreisräte auf, klare Position zu beziehen. Für Leonbergs Oberbürgermeister stünden vor allem CDU und Freie Wähler in der Pflicht: Mit 20 und 23 Sitzen bildeten sie die zwei größten Fraktionen im Kreistag.
„Wer Entscheidungen mitträgt, trägt auch Verantwortung für ihre Folgen“, sagt Oberbürgermeister Tobias Degode. Der Kreistag dürfe sich nicht hinter dem Klinikverbund, der Krankenhausreform oder finanziellen Zwängen verstecken. Die Bürgerinnen und Bürger müssten erfahren, welche stationäre Versorgung der Landkreis erhalten möchte und wer eine Aufgabe dieser Versorgung mitträgt.
Auch der Leonberger Gemeinderat findet klare Worte:
Oliver Zander (CDU): „Eine schrittweise Aushöhlung des Krankenhausstandorts ist für uns keine Option. Wir fordern vom Landrat ein eindeutiges Bekenntnis zum Erhalt einer stationären Versorgung in Leonberg.“
Axel Röckle (Freie Wähler): „Die Zeichen deuten schon länger darauf hin, dass auf eine Schließung des Krankenhauses Leonberg hingearbeitet wird. Dem ‚Lieblingsprojekt‘ des Landrates, dem neuen Flugfeldklinikum, dessen Kosten aus dem Ruder gelaufen sind, wird alles andere untergeordnet. Da spielt die ärztliche Versorgung der Bevölkerung – eigentlich im Rahmen der Daseinsvorsorge des Staates eine elementare Aufgabe – im nördlichen Landkreis und für die angrenzenden Kommunen keine Rolle mehr. Ich fürchte, dass dies die Politikverdrossenheit zahlreicher Bürger fördert.“
Dr. Bernd Murschel (Grüne): „Leonberg braucht sein Krankenhaus, welches eine qualifizierte Funktion als Grund- und Regelversorger hat. Dazu gehört auch eine Notfallversorgung mit stationären Betten. Dies alles hat der Landkreis über Jahre den Bürgern in Leonberg und dem Altkreis versprochen. In der Realität hat eine Salamitaktik das Gegenteil ergeben. Schritt für Schritt wurde das Leonberger Krankenhaus demontiert. Zuletzt in einer Nacht- und Nebelaktion im Frühjahr der hebammengeführte Kreißsaal geschlossen. Wir brauchen endlich Politiker, die verstehen, dass eine alternde Gesellschaft nicht weniger Gesundheitsleistung braucht, sondern qualifizierte und effiziente Angebote, wie sie auch das Leonberger Krankenhaus bieten sollte.“
Ottmar Pfitzenmaier (SPD): „Insbesondere habe ich die Erwartung an die Kreisrätinnen und Kreisräte aus Leonberg, darunter immerhin zwei amtierende Bürgermeister, dass sie in ihren Fraktionen und im Kreistag die Bedeutung des Standorts Leonberg verdeutlichen. Offenbar ist vielen dort das Potenzial des Einzugsgebietes Altkreis Leonberg nach wie vor völlig unbekannt.“
Fraktion S:ALZ: „Demokratie hat Verlässlichkeit als Basis. Wenn es um die medizinische Versorgung eines ganzen Landstriches geht, ist das aktuelle Vorgehen zynisch und unredlich. Diese Willkür steht weder für Demokratie noch für Verlässlichkeit.“
Horst Nebenführ (FDP): „Es wird immer klarer, dass der Klinikverbund eher der Bestatter des Leonberger Krankenhauses ist als ein vertrauenswürdiger Gesundheitsversorger für unsere Bürger. Auch ein gemeinsames Konzept, wie vor ein paar Wochen besprochen, scheint nicht mehr möglich. Erschreckend ist in diesem Kontext auch die Rolle des Kreistags, der offensichtlich seiner Kontrollfunktion nicht gerecht wird – Landkreis und Klinikverbund agieren nach Gutdünken und haben kein Vertrauen mehr verdient. Wir sollten uns schnellstmöglich davon abnabeln und mit eigenem Plan und möglichst mit einem anderen Klinikbetreiber voranschreiten.“
Dr. Thomas Hartung (AfD): „Besonders empörend ist, dass über eine derart einschneidende Entscheidung zunächst hinter verschlossenen Türen gesprochen wird. Leonberg ist keine medizinische Verfügungsmasse für das Flugfeldklinikum. Wir werden nicht akzeptieren, dass aus dem versprochenen Grund- und Regelversorger ein Ärztehaus mit Krankenhaus-Erinnerungsschild wird.“
Leonberg entwickelt eigene Lösungen
Die Stadt Leonberg hat ein unabhängiges Gutachten zur künftigen medizinischen Versorgung in Leonberg beauftragt. Das vorläufige Ergebnis des Gutachtens sagt, dass eine ambulante Versorgung mit einem stationären Angebot mit etwa 50 Betten in Leonberg wirtschaftlich darstellbar sei. Voraussetzung sei aber ein Neubau.
Noch ist das Gutachten nicht vollständig ausgearbeitet. Die finale Fassung wird dem Leonberger Gemeinderat im November vorgestellt.
Im Anschluss möchte OB Tobias Degode einen Runden Tisch mit Akteuren des Gesundheitswesens einberufen. Gemeinsam sollen konkrete Schritte zu Haus- und Facharztversorgung, Praxisnachfolgen und neuen Versorgungsmodellen in Leonberg erarbeitet werden. Aktuell finden Gespräche mit Projektentwicklern und alternativen Klinik-Betreibern statt.
Auch die gemeinsame Entwicklung des Fockental-Areals will die Stadt neu bewerten. „Wir haben uns im Mai zusammen mit dem Landkreis auf einen Campus mit den Schwerpunkten Gesundheit, Bildung und Wohnen verständigt. Wenn der Landkreis die Grundlage des Gesundheitsstandorts verändert, kann die Stadt ihre bisherigen Planungen nicht fortschreiben“, sagt Tobias Degode. Das Ziel der Stadtverwaltung Leonberg ist es, die Gesundheitsversorgung in Leonberg langfristig zu sichern und zu stärken.