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15.09.2022

Große Resonanz bei Energiegipfel für Unternehmerinnen und Unternehmer

Das Gas wird knapp, der Strom wird teurer. Die aktuelle Versorgungslage verunsichert nicht nur Bürgerinnen und Bürger, sondern auch Handel, Gastronomie und Industrie. Beim Energiegipfel am Montagabend, 12. September, 19 Uhr, in der Steinturnhalle, wurden rund 70 Unternehmerinnen und Unternehmer auf den neuesten Stand gebracht. 

Fabian Spalthoff ordnet die Lage beim Energiegipfel ein.

Fabian Spalthoff ordnet die Lage beim Energiegipfel ein.  | © Sebastian Küster

 

Versorgungsmangel im Blick

Dr. Stefan Rogat von der Netze-BW informierte die rund 70 interessierten Zuhörerinnen und Zuhörer, über die unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure der Gaswirtschaft in Deutschland, Transportrouten sowie den Verlauf der Gas-Speicherfüllstände seit Anfang 2022. Aber auch die unterschiedlichen Szenarien der Bundesnetzagentur, wann und wie Deutschland im kommenden Winter in eine Gasmangellage kommen könnte, war Thema. Dafür interessierten sich die Unternehmerinnen und Unternehmer in der Leonberger Steinturnhalle ganz besonders.

Zwar seien die Speicher derzeit gut und sogar "über Plan" gefüllt, "die Speicher alleine, so wichtig sie sind, können uns aber nicht über den Winter retten", so Rogat. Daher sei es schon jetzt und auch weiterhin richtig und wichtig, so viel Gas und Strom einzusparen, wie nur möglich. "Je mehr wir einsparen, desto größer ist die Chance, dass wir im Winter ohne, oder nur mit geringen, Reduktionsmaßnahmen auskommen“, sagt Rogat. Sollte sich der Engpass aber dennoch weiter zuspitzen, vielleicht auch in Folge eines sehr kalten Winters, bestimme die Bundesnetzagentur, in der sogenannten Notfallstufe, wem welche Gasmengen zur Verfügung stehen. Unabhängig davon sei es die Aufgabe der Netzbetreiber, zum Erhalt der Systemstabilität gegebenenfalls auch eigene Eingriffe vorzunehmen.

"Abschaltungen" im Wortsinn würde es allerdings nicht geben – höchstens in Ausnahmefällen als Maßnahme der zwangsweisen Durchsetzung, ist sich der Experte für Gas bei der Netze-BW sicher. Vielmehr erhielten die Gaskunden die Aufforderung, ihren Gasbezug in einem bestimmten Maß zu reduzieren. Die Bundesnetzagentur würde dabei voraussichtlich nur die wirklich großen Gasabnehmer (größer 10 MWh/h) individuell ansprechen. Die Übrigen würden über sogenannte Allgemeinverfügungen erreicht werden, wobei die Bundesnetzagentur auch nach Branchen oder sonstigen Kriterien differenzieren könne. Die Netzbetreiber würden ebenfalls über Reduktionsaufforderungen arbeiten, soweit dies zur Wahrung der lokalen oder regionalen Netzstabilität erforderlich sei. Der Verbrauch von Gas dürfte dann einen bestimmten Wert in einer bestimmten Zeitspanne nicht mehr überschreiten. "Aber keine Sorge: Die Kontaktaufnahme mit Ihnen läuft in so einem Fall normalerweise früh genug, damit Sie sich darauf einstellen können", so Rogat. Die Überwachung und Kontrolle der Umsetzung der Reduktionen liefe in jedem Falle über die Netzbetreiber, auch bei Anordnungen der Bundesnetzagentur.

Geschützte Kunden im Blick

Für sogenannte geschützte Kunden würde es auf keinen Fall zu "Abschaltungen" kommen, betonte Stefan Rogat. Zu diesen Gruppen gehören etwa grundlegende soziale Dienste, die Gesundheitsversorgung, Akteure für Notfall und Sicherheit, Bildung und öffentliche Verwaltung, sowie sogenannte SLP-Kunden wie Haushalte, Gewerbe, Handel und Dienstleister. "Wenn es ganz schlimm kommt, zum Beispiel aufgrund einer zusätzlich eintretenden gravierenden technischen Störung, lässt es sich physikalisch aber nicht verhindern, dass auch geschützte Kunden nicht mehr versorgt werden", so der Experte für Gas bei der Netze-BW. "In diesem Fall wären immer gleich ganze Teilnetze betroffen. Die Herausforderung des Netzbetreibers bestünde dann darin, diesen Prozess nicht zufällig ablaufen zu lassen, sondern ihn so zu steuern, dass die für das Gemeinwohl wichtigsten Funktionen weiter versorgt werden können. Dass dieser Fall tatsächlich eintritt, halte ich – Stand heute – aber eher für wenig wahrscheinlich", so Rogat. 

Fabian Spalthoff spricht über Stromversorgung

Auch Fabian Spalthoff von der EnBW stand beim Energiegipfel auf der Bühne. Er klärte die Unternehmerinnen und Unternehmer über die neuesten Entwicklungen an den Strom-Großhandelsmärkten und deren Zusammenhänge auf. Spalthoff ging neben der Entwicklung des Energiemarkts seit Anfang 2021 auch darauf ein, wie sich der Markt für Strom und Gas entwickeln könnte.

Für die Gäste in der Steinturnhalle war vor allem interessant zu erfahren, wie sich der Strompreis überhaupt zusammensetzt. Mittlerweile ließen sich laut Spalthoff beim Gesamtstrompreis für private Haushalte schon die Hälfte der Gesamtkosten auf die Beschaffung zurückführen – Tendenz steigend. Noch dramatischer sei die Lage jedoch bei Industriekunden: Hier betragen die Beschaffungskosten für Strom schon 90 Prozent der Gesamtkosten. 

"Die Lage ist ernst"

Oberbürgermeister Martin Georg Cohn bedankte sich nach den Vorträgen bei den Rednern und lud die Gäste zum anschließenden Austausch in der Steinturnhalle ein. „Die Lage ist ernst. Mich beunruhigt die unkalkulierbare Situation sehr. Dennoch ist es wichtig, dass wir nicht wegsehen, sondern uns informieren und Lösungsansätze finden, wie wir bestmöglich mit der aktuellen Lage umgehen können. Herr Spalthoff und Herr Rogat haben Ihnen allen und mir Klarheit verschafft. Herzlichen Dank“, so Oberbürgermeister Cohn.