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07.09.2022

Einblick in die KZ-Gedenkstätte

Im ehemaligen Reichsautobahntunnel Leonberg wurde im zweiten Weltkrieg ein Konzentrationslagergeschaffen. Häftlinge wurden zur Arbeit gezwungen. Viele ließen hier ihr Leben. Am Tag des offenen Denkmals, Sonntag, 11. September, ist die Dokumentationsstätte im Tunnel von 12 bis 17 Uhr geöffnet. Um 12 Uhr findet eine Führung durch die Ausstellung statt. 

Eindrücke aus der KZ-Gedenkstätte

 

Tag des offenen Denkmals

Es ist heiß oben an der alten Autobahntrasse, Vögel zwitschern, die Sonne brennt, zu sehen ist niemand. Im leichten Wind erklingen die aneinanderstoßenden Metallplatten der Skulptur auf dem Tunnel-Vorplatz. Schülerinnen und Schüler haben sie im Jahr 2013 im Rahmen eines Jugendcamps mit den Namen von rund 1000 Häftlingen versehen. Weitere 3000 Häftlingsnamen stehen auf der langen Metallwand links der Tunnelröhre. Es ist ein friedlicher und gleichzeitig bedrückender Ort. Kaum zu glauben, dass hier vor 78 Jahren insgesamt rund 5000 Menschen unter qualvollen Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten. An sie soll die Gedenkstätte erinnern.

Wer auf dem Gelände der Leonberger KZ-Gedenkstätte steht, blickt in den ersten Reichsautobahntunnel. Zumindest in die ersten Meter der einen von zwei Röhren. 1938 wurde der Tunnel eingeweiht, im Zweiten Weltkrieg umfunktioniert zum sogenannten Presswerk für die Tragflächen des ersten Strahlflugzeugs Messerschmitt Me 262, der sogenannten Wunderwaffe der Nazis.

Von Frühsommer 1944 bis Frühjahr 1945 mussten hier täglich rund 3.000 Häftlinge in 12-Stunden-Schichten die Tragflächen der Me 262 in den Tunnelröhren fertigen. Es war laut, kalt, schmutzig, Pausen und Wasser gab es nicht, die Menschen waren ausgelaugt, kämpften gegen Hunger, Krankheiten, Erschöpfung. Rund 400 von ihnen starben hier infolge einer Typhusepidemie. Viele mehr noch in Sterbelagern und auf den Todesmärschen.

Verein seit 1999 aktiv

Das Wissen um die KZ-Häftlinge haben Mitglieder der KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg e.V. mühevoll über Jahre zusammengetragen. Seit 1999 gibt es den Verein, Gründungsmitglied ist Dr. Eberhard Röhm.

"Ich habe seit 1960 zwölf Jahre lang am Albert-Schweitzer-Gymnasium unterrichtet und nie etwas von einem KZ in Leonberg gehört", erklärt er, während er vor dem Tunnel auf einer Bank sitzt. Hinter ihm steht ein Schild mit dem Titel: Eberhard-Röhm-Platz. Mit der KZ-Gedenkstätte wollen die Mitglieder des Vereins alle Menschen, egal ob Jung oder Alt, an die Gräueltaten erinnern. Nie vergessen lassen, was in Nazi-Deutschland geschah – das ist ihr Ziel.

"Das KZ Leonberg war ein Außenlager des Konzentrationslagers in Natzweiler im Elsass. Die Gefangenen kamen aus ganz Europa, aus 24 Nationen", sagt Marei Drassdo, Vorsitzende der KZ-Gedenkstätteninitiative. Sie war einst Schülerin von Eberhard Röhm. Beide haben sich einen erstaunlichen Wissensreichtum über die Geschichte des KZ und des Dritten Reichs angeeignet. „Die Gefangenen wurden vom Bahnhof dann durch die Stadt zu den Baracken in der Seestraße geführt. Deshalb haben wir auf dieser Strecke den 'Weg der Erinnerung' eingerichtet, der die verschiedenen Stationen beleuchtet", so Drassdo. Geschichten zu Häftlingen gibt es einige: Über verschiedene Dokumente, Listen und mit der Hilfe diverser Standesämter und Archive haben die Mitglieder des Vereins die Namen zusammengetragen. 

Avraham Arys Geschichte nacherzählt

Einige ehemaligeGefangene konnten sie treffen, manche besuchten Leonberg noch einmal. So wie etwa Avraham Ary aus Bialystok, dessen Biografie in der Tunnelausstellung festgehalten ist. Ary, der heute hochbetagt in Israel lebt, kam als Sechzehnjähriger über verschiedene Lager in Polen schließlich ins KZ Leonberg. Seine gesamte Familie war in den Vernichtungslagern ums Leben gekommen. Trotzdem hat er Leonberg und die KZ-Gedenkstätte dreimal besucht und war als Zeitzeuge in Schulen und beim Jugendcamp 2013.

Immer wieder kommen Spaziergängerinnen und Spaziergänger am Tunneleingang vorbei. Die meisten sind sehr interessiert, teilweise kommen sie auch gezielt zur Gedenkstätte. "Sonntagnachmittags von 14 bis 17 Uhr öffnen wir den Tunnel und stehen gerne bereit, wenn Interessierte Fragen zu den Geschichten haben", erklärt Marei Drassdo. Auch Führungen bietet der Verein an. Am bundesweiten Tag des offenen Denkmals, Sonntag, 11. September, ist die Dokumentationsstätte im Tunnel von 12 bis 17 Uhr geöffnet. Um 12 Uhr findet eine Führung durch die Ausstellung statt. Alle Interessierten sind eingeladen die Gedenkstätte zu besichtigen und den Tunnel in der Realität zu erleben.