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06.09.2022

Leonberg neu erfahren mit Schätzen aus dem Stadtarchiv

Leonbergs Geschichte ist eindrucksvoll und fesselnd. Davon können sich Besucherinnen und Besucher am Tag des offenen Archivs am Samstag, 10. September, selbst ein Bild machen. 

Bernadette Gramm im Stadtarchiv.

Bernadette Gramm im Stadtarchiv.  | © Leila Fendrich

 

Geschichte hautnah erfahren

Haben Sie sich schon einmal gefragt, welche Geschichten das Haus in sich trägt, in dem Sie wohnen? Wie Ihre Nachbarschaft vor 60 Jahren noch aussah? Im Stadtarchiv der Engelbergstadt wahren Bernadette Gramm und ihr Team tausende Schätze von Dokumenten über Protokolle bis hin zu Postkarten und Fotografien. Dabei ist das keinesfalls ein geschlossener Bestand: Was im Archiv verwahrt wird, ist für alle zugänglich.

Bernadette Gramm leitet das Stadtarchiv und kennt sich in den Dokumenten-Massen bestens aus. Mit einem Handgriff zieht sie eine unscheinbare hellblaue Mappe aus dem Regal. In ihr schlummert die älteste Urkunde des Archivs, handgeschrieben auf Pergament. Das Dokument ist etwas eingerissen, das Siegel wurde entfernt. "Das hier ist eine Schenkung von Agnes Beltzerin aus dem Jahr 1410. Hier steht, dass sie ihren Enkelkindern 70 Pfund Heller vermacht. Das ist ganz schön viel Geld", sagt Bernadette Gramm. Natürlich kann sie die alte Handschrift mühelos lesen. Gramm ordnet ein: "Die Gemeinde Eltingen hat zu der Zeit 80 Pfund Heller Steuer pro Jahr bezahlt."

Das Archiv befindet sich heute im ersten Stock des alten Eltinger Rathauses. Betritt man die Etage, ist der Flur links und rechts gesäumt von Kartons, Regalen und Containern. In einem kleinen Raum steht neben einem Schreibtisch mit Arbeitsplatz auch ein großer runder Tisch. An der Wand warten unzählige Bücher gelesen zu werden. Besucherinnen und Besucher haben hier die Möglichkeit, Akten und Urkunden, Fotos und Postkarten einzusehen und zu recherchieren. Außer den beiden Büros sind alle Räume verdunkelt. So können die Dokumente vor Sonnenlicht geschützt werden und bleiben länger erhalten.

Familien- und Gebäudeforschung

"Viele kommen hierher, weil sie mehr über ihre Familie herausfinden möchten", erklärt Bernadette Gramm. "Auch die Geschichte von Gebäuden kann man anhand unseres Bestands gut nachvollziehen. So wissen wir zum Beispiel einiges über die Entwicklung der alten Schuhfabrik in der Eltinger Straße." Auf einem Wagen hat Gramm verschiedene Dokumente vorbereitet, die sie auf dem Tisch ausbreitet. Eine Zeitungsannonce aus den 1950er-Jahren lässt Rückschlüsse auf das damalige Warenangebot der Schuhfabrik ziehen. In der Bauakte der Eltinger Straße 11 von 1897 sind gezeichnete Pläne zu sehen, die zeigen, wie die Fabrik früher aufgebaut war.

Immer wieder erhalten die Mitarbeiterinnen im Stadtarchiv Neuzugänge. "Vieles kommt von Privatpersonen, die zum Beispiel Fotos und Postkarten im Nachlass von Angehörigen finden", so Gramm. Alles wird geprüft und dann in die unzähligen Regalreihen einsortiert, die sich durch Kurbeln verschieben lassen, um Platz zu sparen. 

Quellen in Kleinstarbeit prüfen

Offizielle Dokumente der Stadtverwaltung belegen, wie oft der historische Pferdemarkt wirklich ausgefallen ist und wann er zum ersten Mal stattfand. Das hat Ina Dielmann in mühevoller Kleinstarbeit zusammengetragen. Sie hat alle sogenannten Bürgermeisterrechnungen der vergangenen 300 Jahre geprüft und analysiert. "Wir wissen jetzt, dass der Pferdemarkt insgesamt 'nur' achtmal ausgefallen ist, mit der aktuellen Pandemie sind es zehn Jahre", berichtet sie. "Davor ging man von ungefähr 80 Ausfällen aus."

Die Bürgermeisterrechnung belegt auch, dass der erste Pferdemarkt im Jahr 1684 stattfand. "Eine Annonce kündigt den Pferdemarkt zwar an, beweist aber noch nicht, dass er auch wirklich stattgefunden hat." Die Arbeit von Dielmann ist auch Basis der Pferdemarkt-Historie, die auf www.leonberger-pferdemarkt.de dargestellt ist. Die Webseite wurde vor einigen Monaten online gestellt – als kleinen Ersatz für den Ausfall des echten Pferdemarkts. Das Amt für Kultur und Sport der Stadtverwaltung hat das ehemalige digitale Zuhause der wichtigsten Veranstaltung Leonbergs erweitert und modernisiert.  

Tag der offenen Tür am 10. September

Wie Leonberg 1971 aussah, können Interessierte in einem Film am Tag der offenen Tür sehen. "Neue Heimat gefunden" heißt das Motto des Stadtarchivs am Samstag, 10. September. Im alten Eltinger Rathaus sind zwischen 10 und 15 Uhr die aktuellen Neuzugänge des Archivs zu entdecken. Das Archiv können Besucherinnen und Besucher bei einer Führung besser kennenlernen und den neuen Scanner vorgeführt bekommen, der etwas an ein Fotostudio erinnert. Wer sich für Leonberg, seine Leonberger Vorfahren oder die Hausgeschichte interessiert, kann von dem gut erhaltenen Bestand und dem großen Wissen der Archivarinnen profitieren. Der Tag der offenen Tür findet gemeinsam mit dem Archiv für Familienforschung der Werner-Zeller-Stiftung in Leonberg statt.