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Schellingtagung findet digital statt – Kepler-Jubiläum wird thematisiert 

Einmal jährlich veranstaltet die Schelling-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum ihre Jahrestagung in Leonberg. Für 2021 war geplant, der Tagung zum 450. Geburtstag von Johannes Kepler eine entsprechende Ausrichtung zu geben.

Aufgrund der momentanen Ausnahmesituation findet das Format am Freitag, 22. Januar digital statt. 

Digitale Fachreferate am 22. Januar, 19 Uhr

Einmal jährlich veranstaltet die Schelling-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Stadtmuseum ihre Jahrestagung in Leonberg. Für 2021 war geplant, der Tagung zum 450. Geburtstag von Johannes Kepler eine entsprechende Ausrichtung zu geben.

Am Freitag, den 22. Januar, um 19 Uhr werden Professor Dr. Matthias Bartelmann von der Uni Heidelberg und Professor Dr. Paul Ziche von der Uni Utrecht zu den Themen "Kepler als Physiker vor der Physik" und "Kepler als Genie – Schelling und ein neuer Begriff von Wissenschaft" referieren.

Aufgrund der momentanen Ausnahmesituation findet das Format über folgenden Link digital statt https://heiconf.uni-heidelberg.de/mrc4-ga7x-j7ua-yw2x.


Matthias Bartelmann (Heidelberg): Kepler als Physiker vor der Physik


Was bedeutet der Begriff der "Erklärung" in der Physik? Physik strebt danach, eine immer größere Fülle empirischer Phänomene auf eine immer kleinere Zahl zunehmend abstrakter Gesetze zurückzuführen. Physik ist empirisch, weil sie sich streng an der messbaren Welt orientieren muss. Physik ist aber auch wesentlich mathematisch: zum einen, weil sie ihre Aussagen quantifizieren muss; zum anderen, weil sie die Phänomene anhand mathematischer Strukturen ordnet. Die Physik erklärt Phänomene, indem sie sie auf tiefere Zusammenhänge zurückführt.


Von zentraler Bedeutung für die Physik ist der Begriff der Symmetrie. Er bezeichnet, welche Eigenschaften eines physikalischen Systems unter bestimmten mathematischen Operationen als unveränderlich angesehen werden sollen. Alle modernen physikalischen Theorien werden durch Symmetrieprinzipien begründet. Symmetrien haben sich nicht nur als Ordnungsprinzipien für bereits beobachtete Phänomene bewährt, sondern auch bei der Vorhersage vorher unbekannter Phänomene.


War Kepler ein Physiker? Nein, weil es den heutigen Begriff einer physikalischen Naturwissenschaft zu seiner Zeit nicht gab und er sich sicher nicht als Physiker in einem heutigen Sinne verstanden hätte. Ja, weil er genau das begonnen hat, was die Physik heute wesentlich tut: Er hat eine Vielfalt beobachteter Phänomene auf eine kleine Zahl von Gesetzen zurückgeführt und dabei an entscheidenden Stellen auf Symmetrieüberlegungen Bezug genommen.


Der Vortrag soll diese Gedanken erläutern, indem er zunächst auf die Bedeutung der Symmetrie in der Physik eingeht und dann erläutert, inwiefern die Suche nach Symmetrien zentral in Keplers Werk steht.




Paul Ziche (Utrecht): Kepler als Genie – Schelling und ein neuer Begriff von Wissenschaft

Unser moderner Begriff von "Naturwissenschaft" entsteht erst um 1800: Erst dann werden, unter Einfluss vor allem der Philosophie Immanuel Kants, all die Aktivitäten, die wir heute der Naturwissenschaft zurechnen, unter diesem Begriff zusammengefasst. Schelling und seine Naturphilosophie spielen hierfür eine wichtige Rolle.

Interessant ist, dass Schelling den Wissenschaftsbegriff sofort, kritisch gegen Kant, in neuartiger Weise versteht, unter anderem indem er den Naturwissenschaftler als "Genie" versteht. Der Geniebegriff war vorher den Künstlern vorbehalten; wenn auch Wissenschaftler Genies sein können, erweitert das unser Verständnis von "Wissenschaft": Kreativität, das künstlerische Vermögen, alternative Ideen zu kreieren und zu verfolgen, neue Wege jenseits etablierter Rationalitätsformen zu erschließen, werden nun auch für die Wissenschaft von entscheidender Bedeutung.

Im Vortrag wird einerseits dieser Schritt hin zum Verständnis des Wissenschaftlers als Genie rekonstruiert. Andererseits wird gezeigt, wie hierfür eine Erweiterung eines strikt auf Logik basierten Rationalitätskonzepts erforderlich ist, die wiederum auf lokale Kontexte verweist, die sowohl für Schelling wie für Kepler wichtig sind (Pietismus, mystische und neuplatonische Traditionen).




Kreuzung beider Biographien in Leonberg

In Leonberg kreuzen sich, mit einigem historischem Abstand, die Biographien von Johannes Kepler († 1630) und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling († 1854).

Kepler, der große Naturwissenschaftler, wurde 1571, also vor 450 Jahren, im benachbarten Weil geboren, wohnte dann mit seiner Familie in Leonberg, er besuchte hier die Schule, seine Mutter wurde hier der Hexerei angeklagt: Er hat sich immer wieder als "Kepler Leomontanus" bezeichnet.

Schelling wurde 1775 in Leonberg geboren und verbrachte hier seine Kindheit.

Themen der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung

Zum Jubiläum von Keplers 450. Geburtstag werden während der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung Fragen thematisiert, die das ganz besondere Profil Keplers als Wissenschaftler und Autor betreffen, und die von Schelling wiederum in aufschlussreicher Weise thematisiert wurden.

Heute wird Kepler wegen seiner Leistungen in der Astronomie, der Optik und der Mathematik ganz selbstverständlich zu den größten Naturwissenschaftlern aller Zeiten gezählt. Historisch betrachtet ist diese Einschätzung jedoch alles andere als selbstverständlich.

Kepler in der historischen Betrachtung

Das moderne Konzept von "Naturwissenschaft" bestand zu Keplers Zeit noch nicht; seine Texte lesen sich ganz anders als Texte der modernen Naturwissenschaft, er präsentiert seine Entdeckungen, aber auch seine Irrwege auf beinahe romanhafte Weise; er verbindet mühelos unterschiedliche Fachgebiete wie etwa Astronomie und Musik; vollendet beherrschte Mathematik steht neben der Anrufung der Harmonie des Universums.

"Wir möchten zeigen, dass der Weg von Keplers Arbeiten hin zum modernen Bild von Wissenschaft nicht einfach ein Prozess der Reinigung der 'echten' Wissenschaft von allerlei zufälligen Nebenerscheinungen ist", heißt es von Seiten der Organisatoren.

Ein Beispiel aus der Naturwissenschaft

Kepler operationalisiert den für ihn so wichtigen Begriff der Harmonie in sehr präziser Weise, beispielsweise indem er Symmetrieprinzipien eine zentrale Rolle in seiner Physik gibt.

Der Symmetriebegriff ist ein Schlüsselbegriff der modernen mathematischen Physik – Kepler ist einer der entscheidenden Entdecker der Bedeutung dieses Begriffs.

Ein Beispiel aus der Philosophie und Wissenschaftstheorie

Kepler beschreibt das Ringen um seine Entdeckungen sehr eindrücklich. Er möchte Wissenschaft nicht als Auflistung oder geradlinige Ableitung von Resultaten präsentieren, sondern als einen Kampf um Einsicht.

Begriff des 'Genies' neu im Kontext der Naturwissenschaft

Hierzu passt, dass Kepler für Schelling das Idealbild für ein Genie ist – Schelling ist wiederum der erste, der diesen Begriff, mit Kepler als wichtigstem Beispiel, für die Naturwissenschaft reklamiert. Der Prozess des Entdeckens wird hier wichtiger als das Resultat, die Prinzipien der Wissenschaft liegen tiefer, als eine formale Logik rekonstruieren kann.

Die zwei Referate, von Matthias Bartelmann (Theoretische Physik/Astrophysik, Universität Heidelberg) und von Paul Ziche (Philosophiegeschichte/Wissenschaftsgeschichte, Universität Utrecht), werden diese Themen genauer ausarbeiten.

Teilnahme an der digitalen Veranstaltung

 

Interessierte klicken bitte auf das Logo, um an der Tagung teilzunehmen. [Link nicht mehr verfügbar]

Oberbürgermeister Martin Georg Cohn wird die Veranstaltung per Videogruß eröffnen.

Im Anschluss ist Gelegenheit zur Diskussion.