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Schelling als Vordenker des "Anthropozän"? 

Am Wochenende vom 25. und 26. Januar treffen sich Mitglieder der Internationalen Schelling-Gesellschaft traditionell in Leonberg, um an den Geburtstag des Naturphilosophen zu erinnern.

Vortrag und Lektüretagung

Dr. Philipp Höfele von der Uni in Freiburg gibt mit seinem Vortrag im Stadtmuseum am kommenden Freitag um 19.30 Uhr das Thema vor: "Schelling als Vordenker des Anthropozän?" Angesichts der Dominanz des menschlichen Einflusses auf die belebte und unbelebte Natur in der Gegenwart sprach der Nobelpreisträger Paul J. Crutzen 2002 von dem "Anthropozän" als einer neuen, "vom Menschen dominierten, geologischen Epoche" (Crutzen 2002). Der Vortrag wird ergänzt durch eine Lektüretagung - ebenfalls im Stadtmuseum - am Samstag, in der Zeit von 10 bis 12.30 Uhr.

Im Vortrag soll die Diagnose vom "Anthropozän" in zwei Schritten reflektiert werden

Zum einen geht es darum, dass dieser Epochendiagnose zufolge der Mensch nicht allein über Technologien verfügt, die das Wirken der Natur teils sogar übersteigen und in "unverantwortbarer" Weise beeinträchtigen, wie dies bereits Hans Jonas in seinem 1979 vorgelegten Werk "Prinzip Verantwortung" als einem, so der Untertitel, "Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation" betonte. Vielmehr schreibt sich der Mensch mit seinen Artefakten zugleich unumkehrbar in die Natur oder genauer die geologischen Schichten ein. Es wird hier eine Verflechtung von Natur und Mensch, Natürlichem und Gemachten ins Werk gesetzt, die komplexe Wechselwirkungen zwischen beiden Sphären und damit ein gänzlich anderes Mensch-Natur-Verhältnis mit sich bringt.

Es ist zum anderen die zentrale Überlegung des Vortrages, dass für eine gelingende Beschreibung dieses Phänomens auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurückzugehen ist - und dies nicht allein aus dem von Crutzen genannten Grund, dass zu dieser Zeit technische Entwicklungen einsetzten, die nachhaltigen Einfluss auf das Erdsystem hatten, sondern insbesondere, da um 1800 gerade in der Naturphilosophie Friedrich Wilhelm Joseph Schellings Argumentationsfiguren aufgeboten werden, die eine begriffliche Aufarbeitung der mit dem Anthropozän einhergehenden Phänomene erlauben.

So geht Schelling nicht allein von einer ursprünglichen Einheit von Natürlichem und Geistigem aus, sondern beschreibt gleichzeitig auch eine Einwirkungsmöglichkeit des Menschen auf die Natur, die das Naturganze aus dem Gleichgewicht zu bringen vermag und dabei Rückwirkungen auf den Akteur-Status des Menschen selbst hat. Die Sphäre des Menschlichen ist nach Schelling niemals unabhängig von der der Natur zu sehen, stehen doch beide ursprünglich in einem organischen Zusammenhang.

Von Schelling lässt sich denn auch lernen, dass die mit dem Anthropozän angezeigten Gefahren zugleich ein erhellendes Licht auf das Wesen der Natur selbst werfen, das von den Naturwissenschaften allein nur reduktionistisch erfasst werden kann. Das unentwirrbare Verflochtensein von Natürlichem und Menschlichem zeigt nämlich an, dass die Natur auch ein Bereich ist, der von den traditionell dem Menschlichen zugewandten Geisteswissenschaften mit zu untersuchen ist.

Zu beiden Veranstaltungen - Vortrag und Lektüretagung - ist der Eintritt ist frei.