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Dank Buchpaten wird Stadtgeschichte nachvollziehbar 

Buchpatenschaften machten es möglich, Leonberger Buchbände aus der Zeit vor 1850 zu restaurieren. Erster Bürgermeister Dr. Ulrich Vonderheid überreichte Patenschaftsurkunden und dankte sowohl den Paten als auch der Restauratorin.

Über weitere Buchpatenschaften würde sich das Stadtarchiv sehr freuen.

"Als Teenager hatte ich erfahren, dass im Wormser Stadtarchiv eine Urkunde von Kaiser Heinrich IV aufbewahrt wird. Da ich diese unbe­dingt sehen wollte, machte ich mich auf den Weg ins Stadtarchiv und hielt kurz darauf die vom Anfang des 12. Jahrhunderts stammende Urkunde in Händen, in der der Stadt Worms die Münz­- und Marktrechte verliehen wurden", er­zählte Erster Bürgermeister Dr. Ulrich Vonder­heid bei seinem Besuch im Stadtarchiv und ver­band so sein Erleben mit den aktuell restaurier­ten Buchbänden Leonbergs.

 

Archivalien haben große Bedeutung für uns, denn sie sind heute unsere Zeitzeugen von damals

"Erstmals wurden Buchpatenschaften fürs Stadtarchiv übernommen", darauf wies Dr. Ul­rich Vonderheid hin. Nur dank des bemerkens­werten Engagements der Buchpatinnen konn­ten für die Leonberger Stadthistorie bedeuten­de Archivalien restauriert und so für Alle Stadt­geschichte nachvollziehbar gemacht werden.

Sein Dank ging auch an die Restauratorin Caro­line Gerken, die die Archivalien in ihrer Werk­statt kompetent und mit viel Mühe bearbeitet und für die Nachwelt zugänglich gemacht hat.

 

Die Patenschaften

Karin Reth hat die Patenschaft für das Warm­bronner Fleckenbuch von 1648 zum Anden­ken ihres verstorbenen Vaters Karl­-Heinz Fischötter übernommen. Er war viele Jahre Kul­turreferent in Leonberg und durch die Christian­-Wagner­-Gesellschaft stark mit Warmbronn ver­bunden.
Das Fleckenbuch war 1648 neu angelegt wor­den, weil das alte im Krieg verloren gegangen war. Mit Hilfe alter Leute schrieb man die örtli­chen Regelungen für die Landwirtschaft, das Zusammenleben im Dorf und die öffentliche Ordnung verbindlich wieder auf.

Ute Schönwitz hat die Patenschaft für die El­tinger Bürgermeister­-Rechnung 1725/26 übernommen, eine der ältesten Gemeinderech­nungen dieses Stadtteils. Frau Schönwitz hat selbst viele geschichtliche Beiträge zu Leon­berg und seinen Literaten ­ im weitesten Sinne ­
verfasst, so zu Schelling, zu Schillers Mutter, zu Hölderlin. Da sie dafür auch im Stadtarchiv ge­forscht hat, weiß sie den Wert eines Rech­nungsbandes zu schätzen.
Die Bürgermeister­Rechnung erzählt von der Tätigkeit der Verwaltung bzw. der Gemeinde und berichtet andererseits vom Leben in der Gemeinde, von den Geschehnissen. Man findet neben Steuereinnahmen etwa Ausgaben für den Unterhalt von öffentlichen Gebäuden, für die Besoldung der Ämter vom Schultheiß bis zum Nachtwächter.
Die Bürgermeisterrechnung zählt zu den ältes­ten Überlieferungen der ehemals selbständi­gen Gemeinde Eltingen. Denn im 19. Jahrhun­dert verkaufte die Gemeinde Eltingen ihren äl­testen Archivbestand als Altpapier an eine Papierfabrik.

Dank einer weiteren anonymen Patenschaft konnte auch das Leonberger Steuerabrech­nungsbuch 1693/94 restauriert werden. Die seit 1688 jährlich geführten Steuerabrech­nungsbücher nennen alle steuerpflichtigen Ein­wohner, eine wichtige genealogische und wirtschaftsgeschichtliche Quelle. An den Steuer­zahlungen bzw. -schulden ist die politische und wirtschaftliche Entwicklung ersichtlich.

 

Von Klebeheftungen und Tintenfraß

Restauratorin Caroline Gerken war froh, dass alle zu restaurierenden Bände aus der Zeit vor 1850 stammten. "Damals wurde das Papier noch nicht aus Holz hergestellt, sondern aus Lumpen, was das Papier sehr hochwertig und deutlich weniger brüchig machte", verriet die im Schwarzwald lebende Restauratorin. Beim Warmbronner Buch habe die größte Herausfor­derung darin bestanden, dass hier damals nachträglich immer wieder Seiten hinzugefügt wurden und damit viele Klebeheftungen vorhanden waren. Beim Eltinger Buch bestand die größte Herausforderung im sogenannten Tin­tenfraß. Durch die damals unterschiedlichsten Rezepturen von Tinte, die zu Niederschriften verwendet wurden, wurden auch Tinten ver­wendet, die Löcher in die Seiten fraßen. Hiergalt es den Tintenfraß zu stoppen und dann die Seiten zu restaurieren. Viele Stunden Arbeit wurden abgeleistet, aber das Ergebnis kann sich in jedem Fall sehen lassen.

 

Noch so manche Perle harrt im Archiv ihrer Rettung - weitere Patenschaften willkommen

Bernadette Gramm, Stadtarchivarin in Leonberg, und die Restauratorin Carolin Gerken, sind sich einig, dass im Leonberger Stadtarchiv noch so manche Perle schlummert und mit weiteren Pa­tenschaften weitere Archivalien gerettet werden könnten. Interessierte können sich ans Stadtar­chiv wenden unter der Telefonnummer 07152 990-1430 oder per E­-Mail an b.gramm@leon­berg.de. Hier können Interessenten Weiteres erfahren.

Anlässlich des bundesweiten Tags der Archive im März wurde thematisiert, dass in den vergangenen Jahrhunderten die Lagerbedingungen nicht im­mer günstig waren. Viele Archivalien sind ge­schädigt durch Mäuse, Holzwürmer oder Was­ser. Um sie dauerhaft zu erhalten oder um sie überhaupt nutzen zu können, ist ihre Restaurie­rung notwendig.

In Leonberg wurden erstmals Buchpaten für restaurierungsbedürftige stadt­geschichtlich wertvolle Archivalienbände ge­sucht. Im Eltinger Rathaussaal war eine Restaurierungswerkstatt aufgebaut und es wurden restaurierungsbedürftige "Patenbände" ausge­legt. Vier Patenschaften wurden gefunden und führten zu Spenden von 700 bis 2.000 Euro.